Rasant, innovativ, unvorhersehbar: Das Internet ist auf der medialen Überholspur. Wohin die Reise geht, bleibt allerdings offen. Wenn man daher etwas über die zukünftigen Trends im Internet wissen will, sollte man jemanden fragen, der an der Entwicklung dieser Trends beteiligt ist. Peter Schink hat als Entwickler bereits mit dem Launch der Readers Edition Akzente gesetzt. Heute ist er Senior Produktmanager bei Welt Online und auch privat ein Programmierer des Web 2.0.Herr Schink, Sie leiten die Produktentwicklung bei Welt Online, sind selbst Programmierer und haben beispielsweise mit LaufRausch.net oder Geektogether.org diverse Webangebote entwickelt. Zudem führen Sie ein eigenes Wiki und eigene Blogs. Man darf also behaupten, Sie sind mit der Entwicklung des Internets gut vertraut. Wenn Sie einen Blick in die Zukunft riskieren, wie sieht dann Ihrer Meinung nach das Internet in 10 Jahren aus?
Wenn ich das wüsste, wäre ich vermutlich bald reich. Aber ein paar Annahmen lassen sich treffen: Das Web wird mobil werden, sowohl die Geräte als auch die Anwendungen dazu sind bereits absehbar. Das Web wird kollektiv werden, die Wikipedia ist nur ein Anfang. Kollektive Businessmodelle rechnen sich schon jetzt, also wird es auch bald viel mehr Firmen geben, die durch die Bündelung von Inhalten vieler Nutzer ihr Geld verdienen wollen. Und zuletzt vielleicht: Das Internet wird spaßbetonter sein als heute. Menschen lieben zu spielen, sich mit anderen zu messen, sind neugierig. Da gibt es heute im Internet einen großen Nachholbedarf.
In Ihrem Weblog Blog Age dokumentieren Sie die derzeitige Entwicklung des Web 2.0. Welche neuen Ideen und Formate dürfen die Internetnutzer demnächst erwarten? Was, glauben Sie, sind die nächsten „Killer-Applikationen“ im Web 2.0?
Die nächste Killerapplikation wird keine Web-Software sein. Es wird vielmehr die allgegenwärtige Verfügbarkeit des Internet sein. Das setzt voraus, dass die Netzbetreiber eine attraktive Preisstruktur und Bandbreite bieten. Ein Killertool wird bestimmt das Amazon Kindle (eBuch, das zugleich überall kostenlosen Wikipediazugang bietet), aber auch Googles Android (Handybetriebssystem auf Open-Source-Basis). Darüber hinaus erwarte ich noch viele kleine Scoops wie Twitter in diesem Jahr (obwohl es nur ein Spielzeug ist) oder Zattoo (einfach nur Fernsehen per Web).
Als Entwickler der Readers Edition haben Sie diese in einem Interview mit medienrauschen als eine „kleine Revolution in der deutschen Medienlandschaft“ bezeichnet. Welchen Einfluss wird der Bürgerjournalismus zukünftig auf den klassischen Journalismus haben?
Gute Frage. Nicht zu beantworten, eigentlich. Bürgerjournalismus steckt nicht mehr in den Kinderschuhen, aber es mangelt nach wie vor an Reichweite und guten Businessmodellen. Die Readers Edition, Myheimat.de oder jetzt.de werden letztlich nur Vorläufer sein. Ich bin gespannt, wann jemand mit einer interessanten Idee um die Ecke kommt, die die Bedürfnisse von Schreibern und Lesern gleichzeitig optimal erfüllt. Dann wird Bürgerjournalismus den klassischen Journalismus erst richtig beeinflussen. Maßgeblich dadurch, dass die Leute da draußen in der Regel viel mehr wissen als Journalisten. Bei der Themenfindung und Recherche werden die Adressaten der Journalisten zu Konkurrenten - oder zur Ergänzung.
Blogs, Wikis, Foren, Kommentare: Der user-generated Content ist ein zentraler Aspekt im Web 2.0. Mit dem Launch von Welt Debatte hat im April nun ein weiteres interaktives Format die nationale Medienbühne betreten. Welchen Beitrag leisten solche Webangebote Ihrer Meinung nach für die Demokratie in Deutschland und welche Rolle werden sie in Zukunft für die öffentliche Meinungsbildung spielen?
Die Debatte lebt und ist Grundbestandteil unserer Demokratie. Leser werden sich natürlich auf Plattformen wie Welt Debatte immer mehr Gehör verschaffen. Sie werden die öffentliche Meinungsbildung dort gleich in zweierlei Hinsicht beeinflussen: Zum einen die der Leser, aber natürlich auch die der Journalisten, die bei Welt Online arbeiten. In welchem Ausmaß, wird sich zeigen - aber das öffentliche Gespräch wird in den kommenden Jahren deutlich lauter werden. Welt Debatte und ähnliche Plattformen haben gegenüber Internetforen den Vorteil, dass Meinungen strukturiert und für eine weitere Debatte aufbereitet werden. Heißt: Der öffentliche Web-Diskurs wird völlig neu strukturiert.
Bereits im Februar dieses Jahres äußerte Arthur Sulzberger als Herausgeber der New York Times, es sei ihm egal, ob die Zeitung in fünf Jahren noch gedruckt erscheinen würde. Doch auch in Deutschland verlagern die Medienunternehmen Ihre Informationsangebote zunehmend ins Internet. Wie stehen Sie in diesem Zusammenhang zur möglichen Vergrößerung der Wissenskluft in der Gesellschaft im Zuge des „Digital Divide“?
Wissen ist heute mehr denn je Macht. Für die Entwicklungsländer kann das ein Vorteil sein, für Menschen hierzulande, die der rasanten Weiterentwicklung unseres Wissenstandes nicht mehr schritthalten, ein großes Problem. Da spielt es keine Rolle, auf welche Art und Weise Zeitungen erscheinen - aber sehr wohl, dass Menschen lernen, mit Medien, Medienkonsum und ständiger Wissensbeschaffung umzugehen. Für Deutschland kann das nur heißen: Medienkompetenz muss einen deutlich höheren Stellenwert bekommen. Das fängt im Kindergarten und im Elternhaus an, setzt sich in Schule und Freizeit, in der Ausbildung fort und endet auch im Berufsleben nicht. Heißt: Die Wissenskluft wird aller Voraussicht nach größer werden. Und ich bin mir nicht sicher, ob der Ruf nach mehr Bildung alleine ausreicht, um dem gegenzusteuern.
Herr Schink, vielen Dank für das Interview und ihren Blick in die Zukunft.




