Donnerstag, 26. Juli 2007

„Schauen wir doch mal, wie wir das alles vernünftig nutzen?“

Was kommt nach Web 2.0? Dazu gibt es sehr verschiedene Ansichten. Stephanie Höse befragte Thomas Mrazek, selbst Onlinejournalist und aktiv im Web 2.0 unterwegs.



Thomas Mrazek, Onlinejournalist und Leiter der Fachgruppe Online-Journalismus im Bayerischen Journalisten-Verband.




Was kommt nach Web 2.0? Was halten Sie von dem Modell des Semantic Web, das in der immer größer werdenden Datenflut die Spreu vom Weizen trennt?

Ein "Semantic Web" oder "Web 3.0" entspricht einer meiner persönlichen Wunschvorstellungen: So, nachdem wir jetzt einen riesigen Haufen von nützlichen Web-Applikationen und -Modellen angesammelt haben, schauen wir doch mal, wie wir das alles vernünftig nutzen können, könnte die Parole lauten.

Denken Sie, dass die semantische Aufbereitung aller Inhalte allein durch intelligente Software zu meistern ist?

Nein, für den ganzen Wust an Inhalten brauchen wir auch Leute, die professionell "die Spreu vom Weizen" trennen. Damit kann ich mich als Journalist natürlich sofort anfreunden. Allein, ob es so einen großen Stellenwert einnehmen wird, ob wirklich in großem Umfang wirtschaftlich tragfähige Modelle und intellektuell und kreativ anspruchsvolle, auskömmliche Arbeitsplätze entstehen - ich mag nicht so recht daran glauben. Freilich wird dieses Modell aber auch ein wichtiger Baustein im künftigen Netz sein.

Was halten Sie von der Ansicht, dass wir zukünftig im Internet durch 3D-Welten wandern werden, anstatt auf zweidimensionalen Seiten nach Informationen zu suchen?

Zwar gibt es an Second Life (SL) einiges zu kritisieren, aber es gibt ja auch schon Konkurrenz zu diesem Angebot – und die werden nicht unbedingt die Fehler machen, die die SL-Gründer von Linden Lab gemacht haben. Totsagen würde ich dieses Modell daher nicht, manche Funktionen könnten in nächster Zukunft zu den Standards im Web gehören.

Wie denken Sie über eher negative Zukunftsvisionen wie der vom Zweiklassen-Internet, in dem nur noch die Inhalte zahlungskräftiger Web-Unternehmen beim Leser ankommen?

Sicherlich werden Unternehmen weiterhin versuchen, so viel wie möglich vom Web zu profitieren und manches Angebot, das vielleicht bis dato noch kostenlos zu erhalten war, wird von heute auf morgen kostenpflichtig; da wird es Versuche in allen Bereichen geben. Aufgrund der Architektur und der Kultur des Internet kann ich mir aber nicht vorstellen, dass sich so etwas auf breiter Basis durchsetzt. Andererseits wünsche ich mir, dass sich für uns Journalisten "irgendwelche" Modelle finden, mit denen unsere Leistungen auch im Internet angemessen dotiert werden.

Welche Auswirkungen werden diese Entwicklungen auf die Printmedien und das Fernsehen haben, die sich ja bereits jetzt durch das Internet bedroht sehen?

Auch wenn es eine Binse ist: Die genannten Medien müssen sich der Entwicklung im Internet so weit wie möglich anpassen. Das wird eigentlich seit gut zehn Jahren in Sonntagsreden von Medienmachern immer wieder selbst propagiert und versprochen - beim Versprechen bleibt es dann aber leider allzu oft. Selbstverständlich wird es auch weitere schmerzliche Einbußen geben, die sich nicht vermeiden lassen: Ob geringere Nutzungsintensität und -attraktivität; da sind sehr ausgereifte Crossmedia-Strategien gefragt,die vielleicht diese Einbußen wieder ausgleichen.

Einige Experten verweisen bei dieser Diskussion auf das Rieplsche Gesetz, das besagt, dass kein neueres Medium ein altes verdrängt, sondern nur seine Funktion ändert. Wie stehen Sie dazu?

Nur sich auf das Rieplsche Gesetz zu berufen reicht einfach nicht. Medien müssen sich in Zukunft gehörig anstrengen, um weiterhin wirtschaftlich tragfähig zu bleiben und einen bedeutenden Beitrag für den demokratischen Diskurs zu leisten. Dazu ist es etwa notwendig, dass die Medien aus den o.g Modellen bzw. Entwicklungslinien ihre Schlüsse ziehen und nicht etwa blind drauflos legen (siehe etwa den fast schon irrationalen Zukauf von "Web 2.0-Buden" durch einige Medienhäuser). Ebenso ist es aber auch notwendig, sich von manchem tradierten Geschäftsmodell zu verabschieden und sich mitunter radikal auf neue Wege zu begeben.

Welche Auswirkungen werden diese Entwicklungen auf die Gesellschaft haben? Werden sich die Grenzen zwischen offline und online immer mehr auflösen und wird damit das Internet allgegenwärtig werden?

"Neue Techniken führen nicht automatisch zu mehr Demokratie", sagte etwa Peter Glotz. Das gleiche gilt meines Erachtens für eine "Allgegenwärtigkeit des Internet". Aus verschiedenen Gründen können nicht alle Menschen gleichermaßen an den positiven Eigenschaften des Netzes partizipieren. Das gilt sowohl für die Mikro- als auch für die Makroebene, denken wir hier nur an die Globalisierung.

Was passiert dann mit den Menschen, die keinen Zugriff auf das Internet haben?

Diejenigen, die diese "Beschleunigung" (Glotz) nicht mitmachen können, können zu Opfern einer digitalen Kluft, zu "Vernetzungsverlierern" (Glotz) degradiert werden. Aber demokratische Systeme sollten so wach und so stark sein, diese Einflüsse bei ihrer eigenen Weiterentwicklung zu berücksichtigen und adäquat darauf zu reagieren.



Thomas Mrazek schreibt im Blog Netzjournalist.