Freitag, 27. Juli 2007

Wie geht es weiter im Internet? Professor Klaus Meier im Gespräch.

Klaus Meier ist als Autor des Buches "Internet-Journalismus" und Dozent des Studiengangs "Online-Journalismus" der richtige Ansprechpartner für Kristin Gogolok, die mehr über das Heute und Morgen des Internets wissen möchte.


Herr Professor Meier, seit 2001 kann man in Darmstadt „Online-Journalismus“ studieren. Das Internet befindet sich jetzt in einer rasanten Entwicklungsphase. Neue Konzepte des so genannten Web 2.0 oder des „Social Marketing“ revolutionieren nicht zuletzt auch den Online-Journalismus. Welche neuen Features sind für den Journalismus am interessantesten?


Nun, Web 2.0 hat im Kern nichts Neues gebracht – sowohl das multimediale Erzählen, also die Kombination von Text, Foto, Video und Audio – als auch die Interaktivität zwischen Redaktion und Publikum sowie zwischen den Nutzern waren schon von Anfang an im Online-Journalismus möglich – und es gab schon in den 90er Jahren innovative Formate.

Im Detail sind allerdings neue Features dazugekommen, die interessante Formate erst technisch so richtig ermöglicht haben: die Einbeziehung des Nutzers in allen Bereichen des journalistischen Contents. Das Schlagwort „Web 2.0“ vernebelt indes, dass sich auch anderswo viel getan hat: Denken Sie nur an die neuen Videoformate oder die professionelle Klickzahlmessung, die inzwischen Standard ist und sich in crossmedialen Redaktionen auch auf Print auswirken.

Durch die Stärkung der Position des Lesers bietet das Internet ein großes Demokratiepotenzial. Welche Online-Angebote nutzen Ihrer Meinung nach dieses Potenzial?

In Deutschland sind dies vielleicht Neon und jetzt.de. Oder der Blog der Tagesschau: Er macht redaktionelle Arbeit sehr transparent. Im Ausland ist das, was die BBC macht – nämlich eine crossmediale Verbreitung von User Generated Content nicht nur im Internet, sondern auch in Radio und Fernsehen – ganz innovativ.

Welche Online-Trends halten Sie für überflüssig?

Für überflüssig halte ich eigentlich gar nichts. Redaktionen müssen experimentieren, ausprobieren, testen, wieder verwerfen, optimieren – um neue Formen und Formate zu entwickeln. Das ist eine ungemein spannende Phase des Journalismus. Nicht besonders innovativ ist meines Erachtens die Kopie alter Formate ins Internet – zum Beispiel separate Nachrichtensendungen á la Tagesschau, wie es welt.de macht.

Welche Internet-Phänomene beobachten Sie kritisch?

Kritisch sehe ich so manche Auswüchse des „Trends zum Leserreporter“ im Boulevard. Wenn professioneller Journalismus neue Möglichkeiten im Sinne eines „Citizen Journalism“ oder eines partizipativen Journalismus nutzen möchte, muss er das Publikum respektvoll als aktiv beteiligte Bürger einbeziehen. Journalisten sind dann die Moderatoren des Diskurses; sie hören zu, was das Publikum zu sagen hat, beschäftigen sich mit den Themen, welche die Menschen bewegen, – und behandeln Leser nicht nur als „Leser-Reporter“, die bloße Zuträger, Informanten oder Lieferanten von Fotos und Videos sind.

Lassen Sie uns bitte einen Blick in die Zukunft werfen. Wie sieht das Internet in zehn Jahren aus? Was wird charakteristisch sein für das Web 3.0?

Zehn Jahre sind ein unglaublich langer Zeitraum im Online-Journalismus. Ich denke, dass bis dahin crossmediales Denken und Arbeiten in fast allen Redaktionen selbstverständlich geworden ist. Potentiale sehe ich noch im Multimedia-Storytelling – etwa bei Audio-Slideshows oder intelligenten Kombinationen von Text, Bild, Audio und Video. Da wird es noch einige technische Entwicklungen geben, welche das Internet noch mehr zu einem audiovisuellen Vergnügen machen. Fast alle Webseiten, wie wir die zurzeit kennen, sind mir zu starr und standardisiert – selbst wenn Sie verschiedene mediale Erzählformen einsetzen.

Vielen Dank für das Interview!


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